Kurze Fakten zur Kinderlähmung

Bis in die sechziger Jahre hinein war Kinderlähmung, in der Fachsprache Poliomyelitis (kurz: Polio) genannt, weltweit verbreitet und forderte unzählige Leben. Auch in Mitteleuropa grassierte der Erreger und so steckten sich die Menschen meist schon im Kindesalter damit an. So kam es zu dem Namen: „Kinderlähmung“. Dabei können sich Menschen jeden Alters infizieren. Die Erkrankung wird durch ein Virus verursacht und von Mensch zu Mensch übertragen. In schweren Fällen leiden die Betroffenen unter Lähmungen der Beine, Arme, Augenmuskeln, des Bauchs oder des Brustkorbs. Lebensgefährlich wird es, wenn auch die Sprech-, Schluck- oder Atemmuskulatur betroffen ist.

Heute tritt Polio in nur noch wenigen Regionen auf, etwa in Afghanistan, Demokratische Republik Kongo, Pakistan und Syrien [1,2]. In Deutschland trat die letzte große Erkrankungswelle in den Jahren 1960/1961 auf. Mehr als 9.000 Fälle wurde in dieser Zeit erfasst. In der Folge wurde unter dem Motto “Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam” eine große Impfaktion gestartet. Heute sind in Thüringen rund 93 Prozent der Kinder gegen Kinderlähmung geimpft [3]. Bei den Erwachsenen sind es bundesweit nur ca. 35 Prozent [4]. Deshalb könnte die Kinderlähmung auch hierzulande wieder zum Problem werden, wenn der Erreger aus dem Ausland eingeschleppt wird. Es bleibt also wichtig, dass Sie sich selbst und Ihr Kind vor einer Ansteckung schützen!

Kinderlähmung-Erkrankungen weltweit (2017)

Kinderlähmung-Erkrankungen weltweit im Jahr zweitausendsiebzehn. Die Grafik zeigt eine Weltkarte, in der Regionen markiert sind, in denen Fälle von Kinderlähmung (Poliowildvirus Typ) I im Jahr zweitausendsiebzehn noch auftraten. Dazu gehören die Regionen Afghanistan, Pakistan, Syrien und der Demokratischen Republik Kongo. In der Demokratischen Republik Kongo gab es keine Fälle von Kinderlähmung aber 22 Fälle mit vom Impfstoff abgeleiteten virulenten Polioviren. In Syrien gab es ebenfalls keine Fälle von Kinderlähmung aber 74 Fälle mit vom Impfstoff abgeleiteten virulenten Polioviren. In Afghanistan gab es vierzehn Fälle und in Pakistan acht Fälle von Kinderlähmung. Diese Daten werden von der Weltgesundheitsorganisation zur Verfügung gestellt.

Fakt ist:

  • Nur die vollständige Impfung schützt vor einer Ansteckung mit Polioviren.
  • Bei einer von 200 Infektionen kommt es zu unheilbaren Schäden.- Sind nicht genügend Menschen gegen Kinderlähmung geimpft, können sich die Viren auch in Deutschland wieder ausbreiten.
  • Polio ist weiterhin eine Gefahr!

So wird gegen Kinderlähmung geimpft:

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt vier Teilimpfungen zur Grundimmunisierung:

  • Die erste Impfung erfolgt ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat (ab der 9. Woche).
  • Die zweite Impfdosis bekommt das Kind mit vollendetem dritten Lebensmonat.
  • Die dritte Impfdosis erfolgt ab dem vollendeten vierten Lebensmonat.
  • Die letzte Teilimpfung wird am Ende des ersten Lebensjahres gegeben (11-14. Lebensmonat).

Im Alter von neun bis 17 Jahren sollte die Impfung noch einmal aufgefrischt werden. Dies erfolgt meist in Kombination mit den Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten.

Ihr Kind ist noch nicht geimpft? Sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt über geeignete Impftermine.

Sechs Fakten zur Kinderlähmung (Polio):

Fakt 1: Die Polio-Impfung schützt erfolgreich.

Im Jahr 1988 setzte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Ziel, die Kinderlähmung weltweit einzudämmen. Die flächendeckenden Impfungen zeigten beachtlichen Erfolg: 80% der Weltbevölkerung lebt heute in poliofreien Gebieten [1]. Über 16 Millionen Menschen wurden durch das Impfprogramm vor unheilbaren und zum Teil tödlichen Lähmungen bewahrt [1]. Allerdings verhinderten Krisen und Konflikte bisher, dass die Erkrankung komplett aus der Welt geschafft werden konnte. So gab es in den letzten Jahren immer wieder örtlich begrenzte Epidemien durch Polioviren, z. B. in Afrika und Asien [2,3]. Die WHO befürchtet, dass es bis 2020 weltweit rund 200.000 neue Fälle pro Jahr geben könnte [1].

Fakt 2: Kinderlähmung ist weiterhin eine Gefahr.

Zahlreiche Beispiele zeigen: Sind zu wenige Menschen in einem Land dagegen geimpft, kann die Kinderlähmung zurückkehren. Auch nach Europa und Deutschland. So geschehen beispielsweise im Jahr 2015, als neue Fälle in der Ukraine auftraten [1]. Weil der internationale Reiseverkehr die Welt so eng vernetzt, kann der Erreger leicht aus dem Ausland eingeschleppt werden – und sich erneut ausbreiten, wenn die Bevölkerung nicht ausreichend dagegen geschützt ist. Deshalb bleibt die Impfung gegen Kinderlähmung weiterhin wichtig! Die Zirkulation des Poliovirus, dem Verursacher der Kinderlähmung, kann nur verhindert werden, wenn über 95% der Bevölkerung gegen den Erreger geimpft sind. Aktuell trifft das allerdings nur auf 85,6% der Erwachsenen in Deutschland zu [2]. Ihr geimpftes Kind trägt dazu bei, dass Kinderlähmung in Deutschland so selten bleibt! Lassen Sie sich jetzt von Ihrem Kinderarzt/Ihrer Kinderärztin beraten, ob bei Ihrem Kind eine Grundimmunisierung oder Auffrisch-Impfung angeraten ist.

Quellen (öffnen in neuem Fenster): 
[1] Epidemiologisches Bulletin 38/2015,
[2] Deutschsprachige Fachinformation.

Kinderlähmung-Impfquote nach Altersgruppen in Deutschland (2008–2011)

Kinderlähmung-Impfquote nach Altersgruppen in Deutschland zweitausenddreizehn. Die Grafik zeigt, dass die Impfquote der achtzehn bis neunundzwanzigjährigen zweiundneunzig Komma sechs Prozent war, bei den dreißig bis neununddreißigjährigen neunundachtzig Komma drei Prozent, bei den vierzig bis neunundvierzigjährigen waren neunundachtzig Komma fünf Prozent geimpft. In der Altersgruppe der fünfzig bis neunundfünfzigjährigen waren im Jahr zweitausenddreizehn siebenundachtzig Komma sechs Prozent und in der Gruppe der sechzig bis neunundsechzigjährigen achtzig Komma sechs Prozent sowie bei den siebzig bis neunundsiebzigjährigen achtundsechzig Prozent geimpft. Die Daten stammen von dem Robert Koch-Institut.

Fakt 3: Kinderlähmung kann schwere Folgen haben.

Zwar verläuft die Infektion bei den allermeisten Erkrankten ohne Symptome, doch in manchen Fällen kann der Virus schwere Komplikationen verursachen. Dazu zählen Lähmungen, Muskelschwund, vermindertes Knochenwachstum sowie die Zerstörung von Gelenken. Selten kommt es auch zu einer Schädigung der Hirnnervenzellen und einer lebensgefährlichen zentralen Atemlähmung [1]. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation führt eine von 200 Infektionen zu unheilbaren Schäden. Von den Patienten, die unter Lähmungen leiden, sterben fünf bis zehn Prozent daran, dass auch ihre Atemmuskulatur betroffen ist [2]. Hinzu kommt: Noch Jahrzehnte nach der Infektion können Beschwerden wie Muskelschwund, Schwächegefühl oder Schmerzen erneut auftreten (Post-Polio-Syndrom). Die Betroffenen leiden teils erheblich unter den Spätfolgen und sind vielfach auf Hilfe im Alltag angewiesen. 

Quellen (öffnen in neuem Fenster): 
[1] Webseite des Robert Koch-Instituts, 
[2] Englischsprachige Fachinformation.

Fakt 4: Nur eine Impfung schützt Ihr Kind vor diesen Folgen.

Gegen Kinderlähmung gibt es keine spezifische Therapie mit antiviralen Substanzen. Deshalb kann die Erkrankung nur symptomatisch behandelt werden – mit Bettruhe, Schmerzmitteln, Entzündungshemmern oder physikalischer Therapie. Es gibt kein Medikament, das Poliomyelitis heilen kann. Nur eine Impfung kann Ihr Kind vor den Komplikationen und Spätfolgen einer Infektion bewahren. 

Fakt 5: Nebenwirkungen der Polio-Impfung sind möglich, aber normalerweise harmlos und gehen schnell vorüber.

Die Polio-Impfung ist die wirksamste Maßnahme zur Vorbeugung der Krankheit. Nahezu jeder kennt Begleiterscheinungen des Impfens wie Rötungen oder Schwellungen an der Einstichstelle. Auch Symptome wie Abgeschlagenheit, Kopf- oder Gliederschmerzen können auftreten. Dies sind Anzeichen dafür, dass sich der Körper mit der Impfung auseinandersetzt und einen Schutz aufbaut. Jeder Impfstoff kann verschiedene Nebenwirkungen haben – abhängig ob es z.B. eine Grundimmunisierung oder eine Auffrischungsimpfung ist oder welcher Impfstoff von welchem Hersteller geimpft wird. Sollten Sie dazu Fragen haben, fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Die Nebenwirkungen klingen meist nach 1-3 Tagen wieder ab und sind weniger schlimm als die Symptome der Kinderlähmung und deren möglichen Folgeschäden. Generell gilt, dass Impfungen sehr sicher sind und nur äußerst selten schwerwiegende Komplikationen auftreten.

Nebenwirkungen der Kinderlähmung-Impfung

Abhängig vom Impfpräparat, Hersteller oder Grundimmunisierung oder Auffrischungsimpfung gibt es verschiedene Nebenwirkungen. Hier werden beispielhaft die sehr häufigen bis gelegentlichen Nebenwirkungen eines vierfach-Kombinationspräparat für Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Kinderlähmung für Kinder ab dem vollendeten 3. Lebensjahr und Erwachsene dargestellt.

Nebenwirkungen des Kombinationspräparat für Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Kinderlähmung. Die Grafik zeigt, dass bei einhundert geimpften Kindern im Alter zwischen vier bis acht Jahre bei mehr als zehn Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle sowie Schläfrigkeit vorkommen. Bei weniger als zehn Personen kann Fieber bis zu siebenunddreißig Komma fünf Grad Celsius oder höher, Blutung, Juckreiz und Verhärtung an der Injektionsstelle, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit und Kopfschmerzen auftreten. Bei bis zu einem Kind von einhundert geimpften Kindern kommt es zu Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Lymphknotenschwellung an Hals, Achsel oder Leiste, Schlafstörungen, Teilnahmslosigkeit, trockener Rachen und Müdigkeit.  Bei Kindern über zehn Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen kann es bei einhundert geimpften Personen bei mehr als zehn Personen zu Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle, Schläfrigkeit und Kopfschmerzen kommen. Bei einer bis zu zehn von einhundert geimpften Personen kann es zu Fieber von siebenunddreißig Komma fünf Grad Celsius oder höher, zu Bluterguss, Juckreiz und Verhärtung, Wärme und Taubheit an der Injektionsstelle, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen kommen. Bei weniger als einer Person kommt es zu Fieber höher als neununddreißig Grad Celsius, Schüttelfrost, Schwindel, Gelenk- und Muskelschmerzen, Juckreiz, Lippenherpes, Lymphknotenschwellung an Hals, Achsel oder Leiste, Appetitlosigkeit, Kribbeln oder Taubheitsgefühl an Händen und Füßen, Schläfrigkeit und Asthma kommen. Bei mehr als zehn Personen verringerter Appetit, Schläfrigkeit, Erbrechen, Schreien, Reizbarkeit, Rötung, Schmerz und Schwellung an der Injektionsstelle und Fieber auftreten können.  Bei etwa bis zu zehn Personen von geimpften Personen können Diarrhö, Induration, Bluterguss oder Knötchen an der Injektionsstelle auftreten.  Bei weniger als einer Person von einhundert geimpften Personen können verstärkter Appetit, Schlafstörung einschließlich Schlaflosigkeit, Unruhe, Schnupfen, Schwellung von Lymphknoten, erniedrigter Blutdruck, Husten, Blässe, Bauchschmerz, allgemeiner Ausschlag, übermäßige Schweißproduktion, Ausschlag und Erwärmung an der Injektionsstelle sowie Müdigkeit auftreten können.

Das Auftreten von Nebenwirkungen muss sehr genau überprüft und ausgewertet werden. Nach internationalem Standard wird die Häufigkeit von Nebenwirkungen in folgende Kategorien unterteilt:

sehr häufig: mehr als 1 Behandelter von 10 (also >10%),
häufig: 1 bis 10 Behandelte von 100 (also 1–10%),
gelegentlich: 1 bis 10 Behandelte von 1.000 (also 0,1–1%),
selten: 1 bis 10 Behandelte von 10.000 (also 0,01–0,1%),
sehr selten: weniger als 1 Behandelter von 10.000 (also <0,01%),
Häufigkeit nicht bekannt: Häufigkeit auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar.

Fakt 6: Manchmal muss eine Impfung verschoben werden.

Die Impfung muss nur dann verschoben werden, wenn das Kind eine akute, behandlungsbedürftige Erkrankung hat. Sollte Ihr Kind Fieber oder Allergien haben, informieren Sie bitte Ihren Arzt oder Ihre Ärztin. Nicht-fiebrige Erkrankungen, wie beispielsweise ein Schnupfen, sind meist unproblematisch. Ihr Arzt oder Ärztin unterstützt Sie bei der richtigen Entscheidung.