Was ist Kinderlähmung?

Kinderlähmung, in der Fachsprache Poliomyelitis (kurz: Polio) genannt, ist eine hoch ansteckende Infektion, die durch ein Enterovirus verursacht wird. Der Erreger befällt die muskelsteuernden Nervenzellen des Rückenmarks und kann zu bleibenden Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Übertragen wird das Virus von Mensch zu Mensch, vor allem durch Schmierinfektion: vom Stuhl über die Hände in den Mund. Die Ansteckung kann aber auch per Tröpfcheninfektion (durch Husten und Niesen), über verschmutztes Trinkwasser oder infizierte Lebensmittel erfolgen. Auf diesen Wegen gelangt das Poliovirus in die Mund- und Rachenhöhle. Von dort wandert es in den Darmkanal, wo es sich vermehrt, bis es schließlich mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Das Tückische daran: Infizierte Personen können das Virus an andere weitergeben, noch bevor sich erste Symptomen zeigen. Sie sind ansteckend, solange sie den Erreger ausscheiden: das beginnt zwei, drei Tage nach der Infektion und kann bis zu sechs Wochen anhalten. Menschen mit eingeschränktem Immunsystem können die Infektion unter Umständen sogar über viele Jahre hinweg weitergeben.

Wie kann ich mich vor Kinderlähmung schützen?

Impfung ist der beste Schutz gegen die Erkrankung. Sichere und wirksame Impfstoffe sind seit über 30 Jahren im Einsatz und haben dazu beigetragen, dass Polio in vielen Ländern beseitigt wurde [1]. Die Ansteckungsgefahr in Deutschland ist sehr niedrig. Der letzte Fall einer Kinderlähmung durch eine Ansteckung in Deutschland war 1990 [1]. Um diesen Schutz zu erhalten empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung gegen Kinderlähmung allen Personen, die keine vollständige Grundimmunisierung bzw. nicht mindestens eine Auffrisch-Impfung erhalten haben. Denn die Impfung basiert auf zwei Säulen:

1. Grundimmunisierung
Normalerweise erfolgt die Grundimmunisierung im Kindesalter. Sie kann aber jederzeit nachgeholt werden.

2. Auffrischungsimpfung
Erwachsene Personen, die eine vollständige Grundimmunisierung und später mindestens eine Auffrischungsimpfung erhalten haben, gelten als vollständig immunisiert. Eine regelmäßige Auffrischung nach dem 18. Lebensjahr wird deshalb nur für Menschen mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko empfohlen. Dazu zählen:

  • Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko;
  • Aussiedler, Flüchtlinge und Asylbewerber, die in Gemeinschaftsunterkünften leben und aus Gebieten mit Poliomyelitis-Gefahr kommen;
  • Personal in Gemeinschaftsunterkünften;
  • medizinisches Personal, das engen Kontakt zu Erkrankten haben kann;
  • Personal in Laboren mit Poliomyelitis-Risiko.

Diese Personengruppen sollten sich alle zehn Jahre erneut impfen lassen. Außerdem muss jeder, der mit einem Polio-Erkrankten in Berührung gekommen ist, unabhängig von seinem Impfstatus sofort geimpft werden.

Für den deutschen Markt sind verschiedene Polioimpfstoffe zugelassen. Eingesetzt werden sowohl Einzel- als auch Kombinationsimpfstoffe. Ihr Arzt/Ihre Ärztin berät Sie, welche Impfung für Sie sinnvoll ist und ob sie mit einer Impfung gegen Keuchhusten kombiniert werden sollte.

Quelle (öffnet in neuem Fenster): 
[1] Webseite des Robert Koch-Instituts.

Kinderlähmung-Erkrankungen in Deutschland

Kinderlähmung-Erkrankung in Deutschland. Die Grafik zeigt, die Anzahl der erkrankten Fälle an Kinderlähmung im Zeitraum von neunzehnhundertfünfundfünfzig bis zweitausendfünfzehn. Im Jahr neunzehnhundertfünfundfünfzig betrug die Anzahl der Fälle viertausendeinhundertsechsundfünfzig, welche sich auf ein Maximum von viertausenddreihundertvierundzwanzig Fälle im Jahr neunzehnhundertsechzig steigert. Neunzehnhundertfünfundsechzig nimmt die Anzahl der Fälle rapide ab und sinkt auf neunundvierzig. Von neunzehnhundertfünfundneunzig bis zweitausendfünfzehn sind keine Fälle der Kinderlähmung aufgetreten. Diese Daten stammen von dem Robert Koch-Institut.

Wie äußert sich Kinderlähmung?

Die meisten Menschen, die mit dem Poliovirus infiziert sind, haben keine sichtbaren Symptome. Der Rest erlebt Grippe-ähnliche Beschwerden, etwa Halsschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Übelkeit oder Kopfschmerzen. Diese Symptome werden fälschlicherweise oft als Sommer-Grippe gedeutet und verschwinden nach einigen Tagen von alleine wieder. Ein kleinerer Teil der Erkrankten leidet unter ernsteren Folgen, weil auch das zentrale Nervensystem betroffen ist:

  • Bei einer von 25 Personen mit Polio-Infektion tritt eine Meningitis auf. Krankheitszeichen wie Muskelkrämpfe, ein steifer Nacken oder Rückenschmerzen treten auf [1].
  • Eine von 200 Personen mit Polio-Infektion leidet unter einer schlaffen Lähmung der Beine, Arme, Augenmuskeln, des Bauchs oder des Brustkorbs [1]. Lebensgefährlich wird es, wenn auch die Sprech-, Schluck- oder Atemmuskulatur betroffen ist. Meist bilden sich die Lähmungen ein wenig, aber nicht komplett zurück. In der Folge kämpfen Betroffene oft mit Muskelschwund, vermindertem Knochenwachstum sowie geschädigten Gelenken.

Noch Jahrzehnte nach der Infektion können Beschwerden wie Erschöpfung, Schwächegefühl oder Schmerzen erneut auftreten (Post-Polio-Syndrom). Ca. 50.000 Betroffene in Deutschland leiden teils erheblich unter den Spätfolgen und sind vielfach auf Hilfe im Alltag angewiesen. 

Quelle (öffnet in neuem Fenster): 
[1] Webseite des Robert Koch-Instituts.

Wie wird Kinderlähmung behandelt?

Besteht der Verdacht auf eine Kinderlähmung, wird der Patient sofort in ein Krankenhaus eingewiesen und dort vorsorglich isoliert untergebracht. Das heißt, er bekommt ein Einzelzimmer mit eigener Toilette und wird von anderen Patienten räumlich getrennt, solange bis eine Poliovirus-Infektion durch Laboranalysen ausgeschlossen werden kann. Bestätigt sich der Verdacht, werden dem Betroffenen Schmerzmittel gegeben, die auch die Entzündung durch den Virus hemmen. Die Ursache der Erkrankung kann – genauso wie das Post-Polio-Syndrom – bis heute nicht behandelt werden. Nur die Symptome werden gelindert. Zeigt der Patient schwerere Symptome, wird er auf einer Intensivstation versorgt. Dort können Komplikationen wie Atemnot, Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen behandelt werden. Daneben sorgen strenge Hygienemaßnahmen dafür, dass der Erreger nicht weiterverbreitet wird. Ist bei dem Patienten auch das zentrale Nervensystem betroffen, sind im Anschluss an die akute Behandlung oft längere physiotherapeutische und orthopädische Nachbehandlungen nötig.

Ist die Polio-Impfung sicher?

Seit 1998 wird die Polio-Impfung in Deutschland nicht mehr mit dem Schluckimpfstoff durchgeführt [1]. Er enthielt abgeschwächte, lebende Impfviren, die von den Geimpften über einige Wochen ausgeschieden wurden. Kamen Menschen mit geschwächtem Immunsystem mit den Impfviren in Kontakt, konnten sie vereinzelt an einer Impfpoliomyelitis erkranken. Das traf zwar nur auf weniger als einen Fall bei mehreren Millionen Impfungen zu, trotzdem haben viele poliofreie Länder – wie auch Deutschland – aus diesem Grund in den vergangenen Jahren auf Totimpfstoff (inaktivierten Impfstoff) umgestellt [2]. Durch die Impfung kann keine Kinderlähmung ausgelöst werden und auch Nebenwirkungen sind sehr selten. 

Was sind die Nebenwirkungen der Polio-Impfung?

Nebenwirkungen der Polio-Impfung sind möglich, aber normalerweise harmlos und gehen schnell vorüber. Nahezu jeder kennt Begleiterscheinungen des Impfens wie Rötungen oder Schwellungen an der Einstichstelle. Auch Symptome wie Abgeschlagenheit, Kopf- oder Gliederschmerzen können auftreten.
Dies sind Anzeichen dafür, dass sich der Körper mit der Impfung auseinandersetzt und einen Schutz aufbaut. Jeder Impfstoff kann verschiedene Nebenwirkungen haben – abhängig ob es z.B. eine Grundimmunisierung oder eine Auffrischungsimpfung ist oder welcher Impfstoff von welchem Hersteller geimpft wird. Sollten Sie dazu Fragen haben, fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Die Nebenwirkungen klingen meist nach 1-3 Tagen wieder ab und sind weniger schlimm als die Symptome der Kinderlähmung und deren möglichen Folgeschäden. Generell gilt, dass Impfungen sehr sicher sind und nur äußerst selten schwerwiegende Komplikationen auftreten.

Nebenwirkungen der Kinderlähmung-Impfung

Abhängig vom Impfpräparat, Hersteller oder Grundimmunisierung oder Auffrischungsimpfung gibt es verschiedene Nebenwirkungen. Hier werden beispielhaft die sehr häufigen bis gelegentlichen Nebenwirkungen eines vierfach-Kombinationspräparat für Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Kinderlähmung für Kinder ab dem vollendeten 3. Lebensjahr und Erwachsene dargestellt.

Nebenwirkungen des Kombinationspräparat für Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus und Kinderlähmung. Die Grafik zeigt, dass bei einhundert geimpften Kindern im Alter zwischen vier bis acht Jahre bei mehr als zehn Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle sowie Schläfrigkeit vorkommen. Bei weniger als zehn Personen kann Fieber bis zu siebenunddreißig Komma fünf Grad Celsius oder höher, Blutung, Juckreiz und Verhärtung an der Injektionsstelle, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit und Kopfschmerzen auftreten. Bei bis zu einem Kind von einhundert geimpften Kindern kommt es zu Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Lymphknotenschwellung an Hals, Achsel oder Leiste, Schlafstörungen, Teilnahmslosigkeit, trockener Rachen und Müdigkeit.  Bei Kindern über zehn Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen kann es bei einhundert geimpften Personen bei mehr als zehn Personen zu Schmerzen, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle, Schläfrigkeit und Kopfschmerzen kommen. Bei einer bis zu zehn von einhundert geimpften Personen kann es zu Fieber von siebenunddreißig Komma fünf Grad Celsius oder höher, zu Bluterguss, Juckreiz und Verhärtung, Wärme und Taubheit an der Injektionsstelle, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen kommen. Bei weniger als einer Person kommt es zu Fieber höher als neununddreißig Grad Celsius, Schüttelfrost, Schwindel, Gelenk- und Muskelschmerzen, Juckreiz, Lippenherpes, Lymphknotenschwellung an Hals, Achsel oder Leiste, Appetitlosigkeit, Kribbeln oder Taubheitsgefühl an Händen und Füßen, Schläfrigkeit und Asthma kommen. Bei mehr als zehn Personen verringerter Appetit, Schläfrigkeit, Erbrechen, Schreien, Reizbarkeit, Rötung, Schmerz und Schwellung an der Injektionsstelle und Fieber auftreten können.  Bei etwa bis zu zehn Personen von geimpften Personen können Diarrhö, Induration, Bluterguss oder Knötchen an der Injektionsstelle auftreten.  Bei weniger als einer Person von einhundert geimpften Personen können verstärkter Appetit, Schlafstörung einschließlich Schlaflosigkeit, Unruhe, Schnupfen, Schwellung von Lymphknoten, erniedrigter Blutdruck, Husten, Blässe, Bauchschmerz, allgemeiner Ausschlag, übermäßige Schweißproduktion, Ausschlag und Erwärmung an der Injektionsstelle sowie Müdigkeit auftreten können.

Das Auftreten von Nebenwirkungen muss sehr genau überprüft und ausgewertet werden. Nach internationalem Standard wird die Häufigkeit von Nebenwirkungen in folgende Kategorien unterteilt:

sehr häufig: mehr als 1 Behandelter von 10 (also >10%),
häufig: 1 bis 10 Behandelte von 100 (also 1–10%),
gelegentlich: 1 bis 10 Behandelte von 1.000 (also 0,1–1%),
selten: 1 bis 10 Behandelte von 10.000 (also 0,01–0,1%),
sehr selten: weniger als 1 Behandelter von 10.000 (also <0,01%),
Häufigkeit nicht bekannt: Häufigkeit auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar.

Fazit:

Auch wenn Deutschland derzeit frei von Kinderlähmung ist, bleibt die Polio-Impfung weiterhin wichtig. Denn: Der internationale Reiseverkehr vernetzt die Welt so eng, dass das Virus leicht aus dem Ausland eingeschleppt werden und sich erneut ausbreiten könnte. Das kann nur verhindert werden, wenn 95% der Bevölkerung gegen den Erreger geimpft sind. Lassen Sie sich deshalb von Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin beraten, ob bei Ihnen eine Grundimmunisierung oder Auffrisch-Impfung fällig ist, und schützen Sie damit sich und Ihre Nächsten vor Polio!